Zwiesprache mit meiner inneren Hedonistin

Still und heimlich schlichen sich in letzter Zeit Dinge ein, bei denen mir eigentlich schon im laufenden Betrieb klar war, dass das so nicht funktionieren kann: Unaufhaltsam wurde aus der Punktezählerin eine „Pi-mal-Daumen“-Schätzerin. Nicht genug damit, habe ich diese grob (und sicher oft genug sehr freundlich geschätzten) Punkte nicht dokumentiert. Ohne Dokumentation wusste ich aber abends nicht mehr, was ich eigentlich gegessen habe, und dann kam der nächste Fehler hinzu: Nämlich die „Jetzt-ist-es-auch-schon-Wurscht!“-Haltung. Da argumentiert meine innere Hedonistin so:

„Liebe Barbara! Du hast den Tag über keine Punkte gezählt. Jetzt bist du weit über deine erlaubte Punktzahl hinaus. Hm. Dumm gelaufen! Aber dein Weight Watchers-Coach hat doch gesagt: „Jeder Tag ist ein neuer Anfang!“ Also, dann fängst du eben morgen wieder an. Und heute gönnst du dir noch einmal so richtig alles, was du in nächster Zeit kaum noch bekommst, weil das zu fett ist oder zu zuckerhaltig. Wär doch schade drum. Hmmmmm – riech mal an diesem Käse! Komm! Nur ein klitzekleines Stück als Belohnung. Und, du? Der Rioja, der würde ganz toll dazu passen. Koste mal…! Und morgen steigst du wieder voll ein….“

Ja, so redet meine innere Hedonistin mit mir:-)! Sie weiß genau, wie sie mich kriegt. Leider führte diese Kombination aus „Jeder Tag ist ein neuer Anfang!“ und der „Jetzt-ist-es-auch-schon-Wurscht!“-Haltung dazu, dass ich jeden Tag diesen Dialog mit meiner inneren Hedonistin führte. Und meine innere Hedonistin jeden Tag gewann. Denn kurzfristig ist ihre Argumentation einfach zu verlockend.

Von Heide Liebmann habe ich gelernt, dass diese inneren Persönlichkeitsanteile, die uns Dinge tun lassen, die wir meist ganz doof finden, einem nix Böses wollen. Sie meinen es eigentlich gut mit uns und fühlen sich einfach nicht wertgeschätzt, obwohl sie im Hintergrund ja durchaus einen guten Job machen. Meine innere Hedonistin habe ich auch die ganze Zeit ganz polemisch meine Diät-Boykottiererin genannt. Das war nicht nett. Und stimmte ja auch nicht. Wenn ich mir genauer betrachte, warum sie so überzeugend ist, dann ja vor allem, weil sie mir kurzfristig etwas Gutes tun will:

  • Sie verschafft mir Genuss, den ich mir lange versagt habe.
  • Sie belohnt mich mit kulinarischen Erfreulichkeiten dafür, dass ich so einen stressigen Job habe und so viel arbeite.
  • Sie beruhigt mich mit Schokolade, wenn ich einen nervlichen Durchhänger habe.

Kurz: Sie verschafft mir kurzfristig Glücksmomente.

Leider hat sie eben nicht das große Ganze im Blick und übersieht dabei, dass sie mir langfristig eben doch nichts Gutes tut. Deshalb habe ich gestern meiner inneren Hedonistin gesagt:

Liebe Hedonistin! Ich schätze deinen Einsatz für mich in Sachen Glücklich sein sehr. Und ich werde mir da in Zukunft weniger streng alles verbieten (ich habe da noch eine ziemlich respekteinflößende Gouvernante zu bieten, die sehr nervig sein kann:-)). Aber: Wenn ich so weitermache, wiege ich bald wieder so viel, dass ich Schmerzen in den Knien bekommen. Das weißt du doch noch, das war wirklich richtig fies! Und schließlich: Ich habe sooo schöne Kleider in Größe 40/42 im Schrank. Findest du nicht auch, dass es ganz toll wäre, wenn wir die im Sommer wieder tragen könnten? Klasse Körpergefühl und tolles Outfit? Hm? Würden das unsere persönliche Sexyness nicht ganz extrem steigern? (dazu nickt eine dritte Frau, die irgendetwas Hautenges in ROT trägt, ganz heftig mit dem Kopf – es wird eng auf meiner Couch, sag ich nur!:-D)

Liebe Hedonistin: Was meinst du? Wollen wir uns mal gemeinsam was ausdenken, wie Belohnung und Glücklich sein auch ohne Essen funktionieren kann?“

Habt ihr’s gemerkt? Automatisch habe ich mit ihr wie mit einem kleinen Kind gesprochen – und ich glaube, meine kleine Hedonistin ist so stark, weil sie viele kindliche Anteile von mir gerettet hat. Und die Gouvernante ist als Gegenpart einfach die totale Spaßbremse, genauso schlimm wie Frau Rottenmeier, findet die Hedonistin.:-) Aber sie hat eben auch vernünftige Argumente und den Weitblick – und weiß deshalb oft besser als die Hedonistin, was langfristig gut und richtig ist.

Ich habe mir vorgenommen, mit den beiden öfter mal ein Mediationsgespräch zu führen.  Bei einer Portion Weight Watchers-Chips oder so:-).

P.s. Seit gestern zähle und dokumentiere ich wieder meine ProPoints! Endlich!

5 Responses to “Zwiesprache mit meiner inneren Hedonistin”

  1. Heide sagt:

    Klasse! Magst du uns noch verraten, welche Vereinbarung ihr jetzt getroffen habt in punkto glücklich sein ohne Käse und Rioja? 😉

  2. Prisca sagt:

    Besser könnst Du den/meinen Punkt gar nicht treffen! Ich versuche mich seit 1 Monat mit Weight Watchers und scheitere an 2 Dingen: 1.) Der „Morgen fange ich aber wirklich an“ Haltung und 2.) am nicht vernünftig oder auch gar nicht aufschreiben was ich esse geschweige denn wie viele Punkte es hat. Also werde ich wohl auch versuchen, mich mit meiner inneren Hedonistin etwas näher zu bekanntschaften und versuchen, sie dezent in ihre Schranken zu weisen. Daher: vielen Dank für die Anregung!

  3. barbara sagt:

    Ja, das ist so ne Sache mit den Glückmomenten. 🙂 So richtig ne gute Idee habe ich da noch nicht, also keine, die konkret genug ist, um sie einfach so umzusetzen. Glücklich sein kann ich ja ansich auch ohne Schoki & Co. Und Schoki & Co machen mich ja auch nicht wirklich glücklich – sie schmecken nur soooo gut;-D. Sport hilft (mir) tatsächlich. Nach Sport hab ich nie Lust auf Süßes – den Endorphinkick hab ich auch so. Mehr Ruhe und Zeit für mich. Einfach mal wieder nur Musik hören. Hach. Ich übe das noch mit den schokifreien Glücksmomenten:-)…

  4. barbara sagt:

    Gern geschehen:-)) Aber die letzten Fotos von dir waren doch top, Prisca! Da warst du superhübsch und schlanker als je zuvor. Ganz falsch machst du es also ganz bestimmt nicht. Ich befürchte nur, diese Motivationstiefs, in denen unsere Hedonistinnen das Sagen haben, kommen immer mal wieder.:-/ Immerhin: Ich weiß jetzt, was sie will und habe auch schon ein paar Argumente für sie, die nicht mehr nur von der „Spaßbremse“ kommen, ich hoffe mal, die Frau in ROT ist überzeugender und löst nicht diesen kindlichen „jetzt-erst-recht-Trotz“ aus.

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